Tierversuchsstatistik Schweiz 2009: Wieder über 700 000 Tiere verbraucht
Die heute vom Bundesamt für Veterinärwesen (BVet) veröffentlichten Tierversuchszahlen zeigen erstmals seit 10 Jahren wieder einen leichten Rückgang von Tierversuchen. Waren es im Jahr 2000 noch 566 398 Tierversuche, stieg diese Zahl bis im Jahr 2008 auf 731 883 Tierversuche an! Im Jahr 2009 nun fand ein leichter Rückgang um 3,5% auf 706 104 Tierversuche statt. Seit dem Jahr 2000 haben somit Tierversuche in der Schweiz um 25% zugenommen!
Die AG
STG (Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner) ist erfreut über diesen Rückgang gegenüber dem Vorjahr, betont jedoch, dass sie leider die Zeichen vermisse, dass es sich hier um einen Paradigmenwechsel handeln könnte. Zu verdanken ist der Rückgang der konsequenten Forderung und Förderung von
innovativen tierversuchsfreien Testmethoden. Denn obwohl dies
von verschiedenen Interessengruppen immer wieder behindert wird, werden
trotzdem immer mehr tierversuchsfreie schnellere und sicherere
Forschungsmethoden entwickelt, anerkannt und eingesetzt. Dies führte in
der Schweiz gegenüber 1983 (erste schweizweite Erfassung von
Tierversuchen) zu einem Rückgang bei Tierversuchen von damals über 2
Millionen auf 706 104 im letzten Jahr und ist zu einem wesentlichen Teil
der Arbeit von Tierversuchsgegnern zu verdanken.
Weshalb stiegen trotz Teilerfolgen die Tierversuche in den vergangenen Jahren wieder an?

Der Hauptgrund für den massiven Anstieg in den letzten 10 Jahren ist schnell gefunden.
Im selben Zeitraum, wie medizinisch relevante Tierversuche immer mehr
abnahmen, stiegen die Tierversuche für die Grundlagenforschung um fast 60%
von 197 611 auf 310 907. Zur Info: Die Grundlagenforschung versucht nicht,
für Menschen medizinisch relevante Daten zu erforschen, sondern dient
der Befriedigung der menschlichen Neugier (der Erweiterung von Wissen,
das irgendwann vielleicht einmal eine Bedeutung haben könnte). Die
entscheidende Frage bei dieser Forschung ist: Was passiert, wenn …?
Ein
aktuelles Beispiel aus der Grundlagenforschung finden Sie im «Albatros 24» unter News: Werden Fische seekrank?
Die Grundlagenforschung
ist zwar nicht der einzige Grund für den Anstieg bei Tierversuchen,
jedoch ganz klar der Hauptgrund.
Betreiben Universitäten medizinisch relevante Forschung?
Wenn wir die 2009 durchgeführten Tierversuche etwas genauer
betrachten, dann bestätigt sich der Trend an den Universitäten zu immer
mehr Tierversuchen ohne Nutzen für die Menschen.
Von den 257 965 an
Schweizer Universitäten und Hochschulen durchgeführten Tierversuchen
waren nur 5551 (2%!) für die Erforschung und Entwicklung von
Medikamenten. Demgegenüber wurden 236 333 (92%) aller universitären
Tierversuche für das «Forschungsgebiet» Grundlagenforschung
durchgeführt. Die Universitäten haben offensichtlich erkannt, dass der
Tierversuch die falsche Methode zur Erforschung und Entwicklung von
Medikamenten ist. Leider aber, anstatt darauf mit einer
fortschrittlichen, für die Menschen sicheren und nützlichen Forschung zu
reagieren, halten sie immer massiver an der unwissenschaftlichen
Methode Tierversuch fest.
Die Sicherung von Forschungsgeldern, das zwar unwissenschaftliche, aber
mit Tierversuchen einfache Erklimmen der Karriereleiter sowie die
zwanghafte Weigerung, sich mit modernen Forschungsmethoden
auseinanderzusetzen (etwas Neues lernen), obsiegen klar gegen ihre
eigentlichen Aufgaben in der medizinischen Forschung, nämlich dem Heilen
von Krankheiten. Leider ist dieses bewusste Verhindern von
medizinischem Fortschritt kein Straftatbestand, auch wenn viele Menschen
diese Politik mit ihrer Gesundheit oder gar mit ihrem Leben bezahlen
müssen.
Müssen Tierversuche von Gesetzes wegen durchgeführt werden?
Die Schweizer Gesetzgebung verlangt eine gewisse Sicherheit vor
Nebenwirkungen von neuen Wirkstoffen und Wirkstoffkombinationen, aber
sie verlangt dazu nicht zwingend Tierversuche. Jedoch stellen
Tierversuche laut Gesetz leider immer noch die einfachste Methode dar,
um sich vor allfälligen Schadenersatzforderungen abzusichern. Wenn sich
Probleme mit einem Medikament abzeichnen, dann werden quasi über Nacht
noch schnell ein paar Tierversuche nachgeschoben. Diese reichen dann von
Gesetzes wegen zum Schutz vor eventuellen Schadenersatzforderungen der
Patienten vollkommen aus.
Nichtsdestotrotz treiben die Pharmakonzerne die Entwicklung von
tierversuchsfreien Forschungsmethoden noch am ehesten voran, denn ihnen
ist es vor allem an einem gelegen: möglichst schnell und günstig neue
Medikamente zu entwickeln bzw. Patente zu sichern und diese danach mit
maximalem Profit zu verkaufen. Und dabei erkennen sie immer mehr, dass
tierversuchsfreie Forschungsmethoden schneller, langfristig
kostengünstiger und sicherer sind.
Von den 330 788 im Jahr 2009 in der Industrie durchgeführten
Tierversuchen waren 139 476 Tierversuche von Gesetzes wegen
vorgeschrieben.
Anders sieht es bei den weiteren Tierversuchen, insbesondere bei denen
an den Universitäten, aus.
Von den 257 965 im Jahr 2009 an
Universitäten und Hochschulen durchgeführten Tierversuchen waren gerade
mal 205 (!) von Gesetzes wegen vorgeschrieben. Total waren von den
706 104 in der Schweiz durchgeführten Tierversuchen nur 21% (kaum eine
Veränderung zu den Vorjahren) von Gesetzes wegen vorgeschrieben. Oder
anders gesagt: Im Jahr 2009 wurden in Schweizer Tierversuchslabors 557 465 Tiere misshandelt und getötet, ohne dass dies von Gesetzes wegen
vorgeschrieben gewesen wäre.
Hat die Schweiz eine strenge Bewilligungspraxis für Tierversuche?
3329 Tierversuchsbewilligungen und Entscheide über
meldepflichtige Tierversuche waren 2009 gültig. 1051 Bewilligungen wurden
neu erteilt und nur 10 Bewilligungsgesuche wurden abgelehnt!
866 Bewilligungen
wurden nicht benutzt, was aufzeigt, dass viele Tierversuchsbegehren
vorsorglich eingereicht werden, von den Bewilligungsbehörden
gutgeheissen werden, schliesslich aber sogar aus der Sicht von den
jeweiligen Bewilligungsinhabern vollkommen absurd und unnötig sind.
Dass von 1051 eingereichten Tierversuchsbegehren nur deren 10 abgelehnt
werden, zeugt nicht von einer restriktiven Bewilligungspraxis, sondern
zeigt klar auf, dass jedes noch so absurde Tierversuchsbegehren
bewilligt wird. Dass, wie von Forscherseiten her behauptet, den Begehren
oft Auflagen erteilt werden, muss bezweifelt werden. Insbesondere, wie
viel diese Auflagen bewirken bzw. einschränken. Schliesslich werden
keine Angaben gemacht, wie denn diese Auflagen aussehen.

Wir fordern eine Forschung zum Nutzen der Menschen!
Die Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner, kurz AG
STG,
fordert schon seit Langem einen konsequenten Verzicht auf Tierversuche. Ebenfalls fordert die AG
STG die konsequente Förderung und Anwendung von geeigneten tierversuchsfreien Testmethoden statt der Verschwendung von öffentlichen Geldern für völlig veraltete Forschungsmethoden. Es reicht nicht aus, dass tierversuchsfreie,
sicherere Testmethoden nur gefordert werden – sie müssen auch gefördert
werden! Auch fordert die AG
STG mehr Transparenz bei Tierversuchen, um die grosse Anzahl identischer Mehrfachversuche endlich zu beenden! Ohne diese Grundvoraussetzungen wird der Forschungsstandort
Schweiz für echte Wissenschaftler immer unattraktiver und wir werden den
Anschluss in der medizinischen Forschung verlieren.
Geben auch Sie den Tieren eine Stimme!
Unterstützen Sie den Kampf gegen Tierversuche, wo immer Sie
können. Protestieren Sie mit uns zusammen gegen die leichtfertige
Genehmigung
von Tierversuchsbegehren. Sie können bei uns eine vorgedruckte
Protestkarte unter:
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
bestellen.
Verleihen Sie Ihrem Protest weiteren Nachdruck mit einem Brief ans
BVET, Schwarzenburgstrasse 155, CH-3003 Bern. Schreiben Sie ein E-Mail
an
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
,
und beschweren Sie sich telefonisch unter: +41 (0)31 323 30 33 oder
gehen Sie gleich persönlich beim BVET vorbei und beharren Sie auf ein
Vorsprechen.

Andreas Item
Weitere Informationen:
Die aktuelle Tierversuchsstatistik finden Sie unter:
http://www.tv-statistik.bvet.admin.ch/
Siehe auch Medienmitteilung vom 29. Juni 2010 auf der Startseite (
www.agstg.ch)
Tierversuche
können uns keine Sicherheit bieten – Für die Abschaffung aller
Tierversuche und für einen innovativen und führenden Forschungsstandort Schweiz!
Quelle und Tabellen: Bundesamt für Veterinärwesen (BVET)