Offener Brief an Daniel Vasella, CEO und Verwaltungsratspräsident  von Novartis

Medienmitteilung der AG STG - Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner - www.agstg.ch

Offener Brief an Daniel Vasella, CEO und Verwaltungsratspräsident von Novarits

Bonaduz, 12. August 2009

Sehr geehrter Herr Vasella

Was Ihnen in den letzten Wochen passiert ist, das ist sehr zu bedauern.
Auch wir Tierschützer haben etwas zu bedauern, nämlich den Tod von weltweit jährlich ca. 115 000 000 Tieren für Tierversuche.
Wir sind eine absolut legal und friedlich agierende Organisation, die sich aus medizinisch-wissenschaftlichen wie ethischen Argumenten gegen Tierversuche einsetzt. Wir wünschen uns schon seit Langem einen Dialog mit Ihnen. Wir wünschen uns schon seit Langem Antworten von Ihnen. Bisher leider ohne Erfolg.

Sie, Herr Vasella, wie wir von der AG STG haben die gleichen Ziele, nämlich eine bessere und sicherere Medizin für die Menschen und den Verzicht auf Tierversuche. Nutzen wir doch die Chance zu einem gemeinsamen sachlichen Dialog, bei welchem wir endlich Antworten auf unsere Fragen erhalten. Nehmen Sie den militanten Tierschützern den Wind aus den Segeln, indem Sie beweisen, dass Sie offen sind für einen Dialog mit legal agierenden und friedlichen Tierversuchsgegnern.

Einige Fragen, die wir schon lange an Sie, Herr Vasella, haben, kann ich Ihnen bereits im Voraus zukommen lassen:

Tierversuche sind auch unter Ärzten und Wissenschaftlern sehr umstritten. So hat die amerikanische Arzneimittelzulassungsstelle FDA errechnet, dass 92% aller Tierversuchsergebnisse nicht auf den Menschen übertragbar sind.[1]

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: die HIV-Infektion, an deren Folgeerkrankung AIDS täglich bis zu 8000 Menschen sterben. In Tierversuchen gelang es wiederholt, durch Impfungen eine HIV-Infektion zu verhindern.[2] In der Folge wurden seit 1987 bis 2007 vom Institut für Allergien und ansteckende Krankheiten in den USA (U.S. National Institute of Allergy and Infectious Diseases) mehr als 130 Untersuchungen mit HIV-Impfstoffen an Menschen finanziert. Darunter waren sowohl vorbeugende als auch therapeutische Impfstoffe. Kein einziger war beim Menschen wirksam, trotz bzw. wohl gerade wegen vorheriger erfolgreicher Anwendung in Tierversuchen.[3]
Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, dass durch das Dogma des Festhaltens an leidbringenden Tierversuchen bewusst Forschungsgelder sinnlos verschwendet werden und die Entwicklung wirksamer Medikamente behindert wird. Untersuchungen an menschlichen weissen Blutzellen ausserhalb des Körpers (In-vitro-Versuche) zeigten hingegen sowohl die Wirksamkeit als auch die Toxizität von AIDS-Medikamenten wie AZT[4], 3TC[5] und Proteaseinhibitoren[6] zuverlässig. Daraus wird deutlich, dass innovative Forschungsmethoden im Gegensatz zu Tierversuchen zu zuverlässigeren Resultaten und Fortschritten führen, ohne dass Menschen- und Tierleben unnötig gefährdet werden.

Erst kürzlich hat der Konstanzer Professor Thomas Hartung in einem «Nature»-Artikel festgestellt, dass rund 60% der Stoffe, die in Tierversuchen als giftig eingestuft wurden, für Menschen ungiftig sind.[7] Somit werden potenziell wirkungsvolle Medikamente (Wirkstoffe) gar nicht erst weiter überprüft. Dies bedeutet, dass für Menschen wirkungsvolle und lebensrettende Medikamente oft infolge der fehlerhaften (da nicht übertragbaren) Tierversuchsergebnisse gar nicht entwickelt werden. Tierversuche behindern also medizinischen Fortschritt! Umgekehrt wiegt man sich durch Tierversuche in falscher Sicherheit, was die vielen massiven Nebenwirkungen sowie die verheerenden Medikamentenkatastrophen beweisen.

Frage: Weshalb weigert sich die Tierversuchslobby so vehement, das Thema Tierversuche und deren wirklichen medizinisch-wissenschaftlichen Nutzen mit Kritikern zu diskutieren? Und weshalb setzt sich die Tierversuchslobby nicht stärker für die Erforschung und Anerkennung von innovativeren und sichereren Forschungsmethoden ein?

Wenn Tierversuchsergebnisse für die Erforschung von Medikamenten wichtig sind, dann muss man logischerweise auch auf bereits vorhandene Versuchsergebnisse Zugriff haben. Wenn man diesen Zugriff nicht hat, lässt sich auf den vorhandenen Ergebnissen keine weitere Forschung aufbauen. Dann verschwinden diese Ergebnisse einfach in verstaubten Archiven.

Zudem werden Tierversuchsergebnisse nach aktuellem Schweizer Gesetz weder überprüft noch ausgewertet. Dies ist ein Affront gegen den Nutzen von Tierversuchen! Klinische Studienregister sind längst Realität. Beispielsweise belegt das Register des U.S. National Institutes of Health unter http://clinicaltrials.gov nachhaltig, dass durch die Bekanntgabe der Informationen keinerlei Nachteil für die Forscher resultiert. Dies obwohl somit die Öffentlichkeit und andere Forschergruppen frühzeitig von den Vorhaben erfahren.
Hingegen aber profitieren Forschergruppen sehr von den veröffentlichten Ergebnissen.

Frage: Weshalb weigert sich die Tierversuchslobby, dass Tierversuchsdaten ausgewertet und veröffentlicht werden, damit andere Wissenschaftler auf diesen Daten aufbauen können und redundante qualvolle Tierversuche unterlassen werden?

Novartis setzt sich gerne für das Wohl der Menschen ein. Sie selbst sagten im «Blick»-Interview: «Ich bin mit meinem Gewissen zu hundert Prozent im Reinen. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Arbeit bei Novartis Menschen heilt und Leiden vermindert.»

Frage: Weshalb aber stellt Novartis seine finanziellen Interessen über das Leiden und Leben von Hunderttausenden Menschen, indem Novartis Regierungen und Staaten verklagt (z.B. Südafrika und Indien), die einen einfacheren Zugang für betroffene Menschen zu für sie lebensnotwendigen Medikamenten herstellen möchten?

Ist Ihnen etwa nicht bewusst, dass Hunderttausende Menschen infolge der aktuellen Medikamentenpatent-Politik leiden und sterben müssen, nur weil sie die Medikamente nicht bezahlen können? Setzen Sie sich für eine faire Medikamentenpreispolitik in der Schweiz wie in der ganzen Welt ein.
Beispielsweise ist das von Novartis produzierte Malariamedikament Coartem für viele Spitäler in Entwicklungsländern über legale internationale Apotheken erheblich preiswerter zu beziehen, als es ihnen von Novartis (angeblich zum Selbstkostenpreis) angeboten wird. Nebenbei: Sicher ist Ihnen auch bekannt, dass der Wirkstoff von Coartem ganz ohne Tierversuche entdeckt wurde.

Wie Novartis und Sie selbst immer wieder betonen, habe die Schweiz ein strenges und gutes Tierschutzgesetz. Dies verhindere, dass Tiere in Tierversuchen übermässig leiden müssen bzw. dass unnötige Tierversuche durchgeführt werden. Im «Blick»-Interview sagten Sie: «Die Art und Weise, wie diese Versuche gemacht werden, muss den höchsten Standards genügen. Jegliches unnötige Leiden von Tieren muss unterbunden werden. Das ist unsere Einstellung.» Ihr Lob zu unserem Tierschutzgesetz und Ihre Einstellung in Ehren.

Frage: Weshalb aber führt dann Novartis 80% seiner Tierversuche im Ausland durch und umgeht somit die Tierschutzstandards der Schweiz?

Wissenschaftlern ist es gelungen, zum Mond zu fliegen, Strom aus Sonnenlicht zu generieren und vielfach auch schon ohne jegliche Tierversuche neue Untersuchungsmethoden und Behandlungsmöglichkeiten für Krankheiten zu entwickeln.

Frage: Warum halten Sie immer noch so vehement an Tierversuchen fest und beleidigen damit die Intelligenz der Wissenschaftler, anstatt auf innovative Forschungsmethoden zu setzen, die ohne jegliches Leid für Tiere auskommen sowie preiswerter und effizienter zu zuverlässigeren Ergebnissen führen? Warum helfen Sie nicht verstärkt mit, die Schweiz zu einem weltweit führenden Forschungsstandort, sowohl hinsichtlich Innovationskraft als auch ethischem Bewusstsein, zu entwickeln?

Wir freuen uns sehr über einen offenen und sachlichen Dialog mit Ihnen.
Für eine innovative, zukunftsorientierte und tierfreundliche Forschung! – Für einen führenden Forschungsstandort Schweiz!

Beste Grüsse

Für die AG STG
Andreas Item
Geschäftsführer

Kontaktdaten für Medienmitarbeiter unter: Medien Kontakt


Über die AG STG

Die Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner, kurz AG STG, fordert seit langem eine schärfere Sanktionierung von Tierversuchen durch die Behörden, konsequenter Verzicht auf Tierversuche und die Förderung und Anwendung von geeigneten tierversuchsfreien Testmethoden statt der Verschwendung von öffentlichen Geldern für völlig veraltete Forschungsmethoden. Es reicht nicht aus, dass tierversuchsfreie, sicherere Testmethoden nur gefordert werden – Sie müssen auch gefördert werden!
Tierversuche behindern medizinischen Fortschritt und bedrohen somit die Volksgesundheit!
Auch fordert die AG STG mehr Transparenz bei Tierversuchen!

Weitere Informationen über die AG STG und über Tierversuche finden Sie unter: http://www.agstg.ch

Tierversuche aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht finden Sie unter: http://www.agstg.ch/downloads/flyer/agstg-prospekt_tierversuche-aus-medizinisch-wissenschaftlicher-sicht_de.pdf


Quellenangaben:
1. Innovation Stagnation. Challenge and Opportunity on the Critical Path to New Medical Products. U.S. Department of Health and Human Services. Food and Drug Administration (FDA), 2004, S.8
2. Gauduin MC, Parren PW, Weir R, Barbas CF, Burton DR, Koup RA. Passive immunization with a human monoclonal antibody protects hu-PBL-SCID mice against challenge by primary isolates of HIV-1. Nat Med 1997;3(12):1389-1393.
3. Diseases NI. Clinical Trials of HIV Vaccines: National Institutes of Health. U.S. Department of Health and Human Services, 2007.
4. Mitsuya H, Weinhold KJ, Furman PA, et al. 3'-Azido-3'-deoxythymidine (BW A509U): an antiviral agent that inhibits the infectivity and cytopathic effect of human T-lymphotropic virus type III/lymphadenopathy-associated virus in vitro. Proc Natl Acad Sci U S A 1985;82(20):7096-7100.
5. Soudeyns H, Yao XI, Gao Q, et al. Anti-human immunodeficiency virus type 1 activity and in vitro toxicity of 2'-deoxy-3'-thiacytidine (BCH-189), a novel heterocyclic nucleoside analog. Antimicrob Agents Chemother 1991;35(7):1386-1390.
6. Roberts NA, Martin JA, Kinchington D, et al. Rational design of peptide-based HIV proteinase inhibitors. Science 1990;248(4953):358-361.
7. Hartung T. Toxicology for the twenty-first century. Nature. 2009 Jul 9;460(7252):208-12.